Fantastische Vögel

Text Calle Westrup
Photo Andreas Eriksson

Fågel i handen

Unberührte Natur. Feuchtgebiete und Küstenwiesen. Falsterbo ist ein beinahe traumhafter Zwischenstopp für Millionen von Zugvögeln – und zugleich ein wachsender Anziehungspunkt für Ornitholog:innen und Vogelbeobachter:innen aus aller Welt.

Falsterbo

Uppleva & utforska

Der Morgen bricht an. Eine späte, aber willkommene Herbstsonne zieht ihre flache Bahn über den klarblauen Himmel. Zwischen den Büschen rund um den Leuchtturm von Falsterbo sind die nahezu unsichtbaren Fangnetze bereits gespannt, und die Beringer:innen genießen eine wohlverdiente Tasse Kaffee. Es dauert nicht lange, bis die gefiederten Gäste eintreffen.

„Viele Vögel ziehen nachts, um Greifvögeln auszuweichen. Wenn es hell wird, entdecken sie den Öresund und lassen sich im Garten des Leuchtturms nieder, um sich vor dem 21 Kilometer langen Flug über den Sund auszuruhen.“

So erklärt es Sophie Ehnbom, die für die Beringung an der Vogelstation verantwortlich ist. Als lebenslange Vogelbeobachterin verfolgt sie den Zug der Vögel, solange sie denken kann. Seit Ende der 1980er‑Jahre hat sie gemeinsam mit ihren Kolleg:innen Hunderttausende Vögel in den Bäumen rund um den Leuchtturm beringt.

Dank seiner Lage an der äußersten Spitze Südwest‑Schonens ist Falsterbo ein natürlicher Rastplatz auf einer der großen europäischen Zugrouten, die jedes Jahr von Millionen Vögeln genutzt werden. Im Frühling und Herbst sind die dicht geschlossenen Formationen rufender Vögel kaum zu übersehen.
Zwischen der Vegetation der Landzunge legen sie eine Pause auf ihrer interkontinentalen Reise ein – um Kräfte zu sammeln, Energiereserven aufzufüllen und ihr Gefieder für die nächste Etappe zu pflegen.

Es ist leicht zu verstehen, warum der rund einen Hektar große Garten rund um den Leuchtturm von Falsterbo eine so starke Anziehungskraft besitzt. Bäume unterschiedlicher Größe dürfen hier frei im wilden Gras wachsen, und entlang der schmalen Sandpfade finden sich zahlreiche Sträucher. Es ist zudem das letzte verbliebene Gehölz auf der Landzunge. Ringsum breitet sich der Golfplatz aus – zweifellos landschaftlich reizvoll, aber kein geeigneter Rastplatz für Wintergoldhähnchen und Rotkehlchen. Sie brauchen Bäume als Schutz sowie Insekten und Beeren als Nahrung.

„Wir tun alles, um die natürliche Vegetation des Gartens zu bewahren. Millionen von Vögeln sind auf ihn als Zufluchtsort angewiesen. Außerdem betreiben wir hier seit über 70 Jahren Forschung und Beringung – und um damit fortfahren zu können, brauchen wir natürlich die Vögel“, sagt Sophie.

Wir tun alles, um die natürliche Vegetation des Gartens zu bewahren.

Fågel i handen

Björn Malmhagen, ordförande för en av Sveriges största fågelstationer, Falsterbo Fågelstation håller upp en av fåglarna som fångats under dagens ringmärkningarbete.

Kvinna sitter i hus och ringmärker fåglar

Fågelstationens ringmärkningsansvarige, Sophie Ehnbom har följt flyttfåglarnas migration så länge hon kan minnas.

ie Vogelberingung ist eigentlich ein vergleichsweise junges Phänomen. Erst seit dem späten 19. Jahrhundert fängt der Mensch Vögel behutsam ein, um ihnen systematisch kleine Metallringe an den Beinen anzulegen. Jeder Ring trägt eine individuelle Nummer, die weltweit nachvollzogen werden kann – von einer Beringungsstation zur nächsten. Die Methode mag überraschend einfach erscheinen, doch über Jahrzehnte hinweg hat sie Antworten auf komplexe Fragen zu Lebensdauer, Verhalten und Zugmustern der Vögel geliefert. Während der Beringung werden die Vögel zudem gewogen, vermessen, bestimmt und gesundheitlich überprüft. Alles wird zusammen mit der Ringnummer dokumentiert.

„Man hört nie auf, darüber zu staunen, wie Vögel, die hier in Schweden beringt wurden, an ganz unterschiedlichen Orten der Welt wieder auftauchen – oft verbunden mit einer unerwarteten Geschichte.“

Eine dieser Geschichten liegt Sophie besonders am Herzen. Sie führt uns bis in die rissigen Wüstensteppen des Irak – mitten hinein in ein Kriegsgebiet. Nach einem außergewöhnlichen Granatenbeschuss soll ein Soldat einen winzigen, nur zehn Gramm schweren Vogel gefunden haben, dessen Ring noch unversehrt war. Trotz seiner eigenen extrem schwierigen Lage schickte er einen Brief an das Naturhistorische Museum in Stockholm, um herauszufinden, woher der Vogel stammte.

Es mag vollkommen absurd erscheinen, dass ein Soldat im Krieg Zeit für etwas scheinbar so Belangloses findet. Und doch ist es eine schöne und eindrucksvolle Beschreibung jener reinen Neugier, die die Welt der Vögel in uns weckt.

Dabei braucht es nicht immer solch außergewöhnliche Umstände, um diese Faszination zu entfachen. Allein die Tatsache, dass ein 13 Gramm leichter Vogel, der in Falsterbo beringt wurde, den Öresund überquert, den Kontinent hinabfliegt und innerhalb von nur sieben Tagen Italien erreicht, reicht aus, um Ehrfurcht vor ihrer unglaublichen Willenskraft zu empfinden.

Utsikt över Falsterbonäset från Falsterbo fyr

Från Falsterbo Fyr är utsikten magisk.

Doch hinter all den bewegenden Anekdoten tritt eine ernstere Wahrheit hervor. Die Beringungsarbeit eröffnet auch einen einzigartigen Einblick in die Klimaveränderungen unserer Zeit.

„Die Wärme hält sich heutzutage viel länger bis in den Herbst hinein, und dadurch bleiben auch die Vögel hier im Norden länger. Obwohl heute unser letzter Tag der Beringungssaison ist, finden wir immer noch Hunderte von Vögeln in den Netzen. Das ist ungewöhnlich.“

Mit einem Unterton der Sorge beschreibt Sophie, wie sich ein wärmeres Klima auf das Leben der Vögel auswirkt. Dass sie länger im Norden bleiben, ist an sich kein Problem – Vögel passen sich schnell an. Die eigentliche Gefahr entsteht, wenn die anderen uralten Rhythmen der Natur nicht Schritt halten können. Was passiert, wenn mitten in der Brutzeit ein plötzlicher Kälteeinbruch kommt? Oder wenn Millionen von Küken früh schlüpfen, bevor die sommerlichen Insektenschwärme eingesetzt haben?

Solche unbeantworteten Fragen liegen über der ansonsten friedlichen Arbeit dieses Morgens – wie ein dichter Dunst am Horizont.

„Natürlich denkt man darüber nach. Aber letztlich ist es unsere Aufgabe, die Vögel zu zählen und zu beringen, damit andere einen Weg nach vorn finden können“, sagt Sophie

Falsterbo fyr

Falsterbo Fyr i morgonljus.

Personer hämtar in fåglar från nät som sitter i buskarna runt fågelstationen.

Tidig morgon vid fågelstationen i Falsterbo. Genom nät som sätts upp mellan buskagen fångas fåglarna in för att sedan ringmärkas.

Gemeinsam mit ihren Kolleg:innen nimmt sie behutsam die letzten Vögel aus den Netzen und beginnt die letzte Beringungsrunde der Saison. Neue Netze werden erst im Frühjahr wieder aufgestellt, wenn die Vögel aus wärmeren Regionen zurückkehren.

Die Vogelstation wird nun zu einem Ort der Forschung, aber auch zu einem Bildungszentrum für junge Vogelbegeisterte – eine wichtige Aufgabe in einer Zeit, in der die Zahl der Beringer:innen in Schweden seit Langem zurückgeht.

„Das Interesse junger Menschen an der Natur war lange Zeit gering. Es gibt so vieles andere, das um Aufmerksamkeit konkurriert. Aber ich habe dennoch das Gefühl, dass jene Neugier, die mich immer begleitet hat, zurückkehrt. Ich bin hoffnungsvoll“, sagt Sophie und lächelt.

Die Zukunft ist, wie immer, ungewiss. Doch eines steht fest: In einem zunehmend unberechenbaren Klima liegt die Zukunft vieler Vogelarten in den Händen der nächsten Generation von Beringer:innen. Wissen und Leidenschaft weiterzugeben wird daher entscheidend sein – und dabei spielen die Vogelstation Falsterbo und die engagierten Menschen vor Ort eine zentrale Rolle.