Der Gewalt des Meeres ausgeliefert

Text Jenny Milewski

Photo Andreas Eriksson

Camilla Wadlund som blundar

Skanör, die südliche Küste. Acht Grad in der Luft. Sechs Grad im Wasser. Wind mit zehn Metern pro Sekunde, dazu eisige Böen. Für die meisten Menschen wohl kaum ideales Badewetter. Doch für die Umweltstrategin Camilla Wadlund ist die Anziehungskraft des Meeres ein ständiger Begleiter. Ganz gleich, wie das Wetter ist.

Östra Grevie

Skanör

Uppleva & utforska

Das Meer, die Natur und die Tiere. Diese Worte standen schon immer im Zentrum von Camilla Wadlunds Leben – sie haben ihre Entscheidungen geprägt und sowohl ihre Arbeit als auch ihre freie Zeit bestimmt.

Seit ihrer Kindheit in Landskrona war das Meer stets Teil ihres Lebens – wenn nicht immer geografisch nah, so doch zumindest im Herzen.

„Es ist etwas an der Weite, an der Kraft und am Geheimnisvollen, das mich anzieht. Die Sehnsucht nach dem Meer ist immer da. Einige Jahre habe ich in einem Naturzentrum am Vätternsee gearbeitet. Dann musste ich so tun, als wäre es das Meer. Und das hat funktioniert – zumindest einigermaßen“, sagt Camilla lächelnd.

Auch ihr Interesse an Tieren und Natur war stets präsent. Nach frühen Träumen von einer Laufbahn als Tierärztin und einer Zeit, in der sie in einem Zoo arbeitete, fand sie ihren Weg zum Beruf der Biologin – und damit die Möglichkeit, Naturwerte zu bewahren und Wissen weiterzugeben.

Als wir uns zum ersten Mal treffen, kommt Camilla gerade vom jährlichen Amphibienseminar der Bezirksverwaltung. Den Zustand der Amphibienpopulationen in der Gemeinde – etwa der gefährdeten Wechselkröte – im Blick zu behalten, gehört zu ihren Aufgaben als Umweltstrategin der Gemeinde Vellinge. Eine Rolle mit besonderem Charakter, wie Camilla erklärt:

„Wir haben mehrere geschützte Naturgebiete in der Gemeinde – Naturschutzgebiete, Meeresschutzgebiete und Natura‑2000‑Flächen, ein europaweites Netz besonders geschützter Areale. Unsere außergewöhnliche Natur zieht Menschen hierher und lässt sie sich niederlassen. Gleichzeitig müssen Entwicklung und Wachstum nachhaltig sein und dürfen nicht auf Kosten der Natur, der Pflanzen oder der Tierwelt gehen. Meine Aufgabe ist es, diese Perspektive in die Arbeit der Gemeinde einzubringen.“

Nichts lässt einen so stark fühlen wie draußen auf dem Meer. Und zugleich so verletzlich.

Camilla Wadlund förbereder utrustningen innan hon ska iväg ned i vattnet
Surfbräda i sjögräs

Ein paar Tage später treffen wir uns wieder – diesmal vor dem alten Dorfhaus in Östra Grevie. Hier, mitten in einer landwirtschaftlich geprägten Landschaft, spielt Wasser ebenfalls eine zentrale Rolle im Leben: für die Felder und ihre Erträge – und für die Tomaten in Camillas eigenem Gewächshaus im kleinen Garten. Hier hat sie ihren Platz auf der Welt gefunden, nahe an der Natur und am Meer.

„Die Dörfer sind ein Teil der Gemeinde, der leicht in Vergessenheit gerät. Dabei gibt es hier ebenfalls große Naturwerte. Ich finde es wichtig, dass Menschen sich frei in der Natur bewegen können – auch in landwirtschaftlich genutzten Landschaften.“

Nun wird das Auto gepackt – unter den wachsamen Augen von Trini, einem Mischlingshund aus Spanien. Surfbrett, Kite und Neoprenanzug werden verstaut. In der Gruppennachricht ‚Näsets surf‘ wurde lebhaft diskutiert: Stimmt der Wind? Wird es regnen? Welcher Strand ist der richtige? Wer kommt mit? Bei südwestlichem Wind fällt die Wahl schließlich auf den südlichen Strand von Skanör, direkt neben dem im Winter geschlossenen Restaurant Badhytten.

Nach einer kurzen Fahrt parken wir auf dem nahezu menschenleeren Strandparkplatz. Einige Kitesurfer sind bereits vor Ort, pumpen ihre Kites auf und entwirren Leinen. Eine schnelle Handbewegung signalisiert, dass jemand Hilfe beim Starten des Kites braucht.

Bald ist auch Camilla bereit. Mit festem Griff an der Bar und dem Board unter dem Arm bahnt sie sich ihren Weg vorbei an den Tanghaufen – und wird im nächsten Moment vom Kite hinausgezogen, hinaus zu den Wellen, hinein ins kraftvolle und geheimnisvolle Meer.

Eine Stunde später ist Camilla zurück. Der Neoprenanzug ist nass, die Wangen rosig vom Wind. Sie wirkt glücklich – trotz der eisigen Böen und mehrerer unfreiwilliger Tauchgänge ins sechs Grad kalte Wasser.

„Zehn Meter pro Sekunde sind meine Lieblingswindstärke“, sagt sie mit einem breiten Lächeln. „Aber heute war es etwas zu böig. Die Wellen kamen von allen Seiten.“

Auf die Frage, wie sich ihr Körper nach einer solchen Session auf dem Meer anfühlt, beschreibt Camilla ein tiefes Gefühl von Ruhe – als wäre etwas, das gefehlt hatte, wieder aufgefüllt worden.

Doch was macht Camilla, wenn der Wind einmal ausbleibt? Zu Hause gibt es immer etwas zu tun. Malen, kleine Bauprojekte und Töpfern in den Wintermonaten – und hin und wieder ein gestrickter Pullover. Gartenarbeit, wenn der Frühling und das Licht zurückkehren. Und nach zusätzlichen Schichten in einem Kino während der Studienzeit ist auch die Liebe zum Film geblieben. Weniges, vielleicht, ist schöner nach einer winterlichen Kite‑Session, als sich mit einem warmen Hund und einem guten Film auf das Sofa zu kuscheln.

Camilla Wadlund med sin bräda och kite

Kitesurfing (eller draksurfning) är en vattensport där utövaren står på en bräda och dras framåt av en ”kite”, en stor drake som hålls fast med linor och ett handtag (”bom”). Draken används i olika storlekar, beroende på vindstyrka och kitesurfarens vikt.